Lästern
Über jemanden in urteilenden und vorwurfsvollen Worten zu sprechen, wenn die betroffene Person nicht dabei ist, hat eine schädliche Wirkung auf das Klima im Team oder in einer Organisation. Die Absicht beim Lästern ist meist nicht, die Person in Misskredit zu bringen, sondern eher, Unmut über etwas loszuwerden. Die Person, über die geredet wird, hat meistens keine Chance zu antworten, und oft führen Vermutungen und überzeichnete Behauptungen ein Eigenleben. Lästern schafft eine Isolation um jemanden, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Klatsch hat oft eine negative Wirkung auf die Art der Zusammenarbeit und der Kommunikation. Es wird zu einem Ventil für Frust und schafft womöglich neue Probleme, statt sie zu lösen. Direktes, konstruktives Feedback fehlt dabei oft, sodass bestimmte Informationen nicht besprochen und nicht für Verbesserungen oder das Klären von Problemen genutzt werden. Der Preis, den eine Organisation für eine Lästerkultur zahlt, ist hoch. Menschen verlieren viel Energie, die Qualität von Gütern und Dienstleistungen leidet, oft geht es mit hohem Krankenstand einher, das Klima von Sicherheit und Vertrauen wird beschädigt …
Für ein lästerfreies Klima sorgen mit Verbindender Kommunikation
Mit Verbindender Kommunikation (VK) lässt sich sowohl präventiv als auch reaktiv für ein lästerfreies Klima sorgen.
Der präventive Weg besteht darin, Mitarbeitenden ausreichend Gelegenheit zu geben, verbindend miteinander zu kommunizieren. Das geht durch regelmäßige Gespräche – unter Mitarbeitenden und mit der direkten Führungskraft. In solchen Gesprächen können Mitarbeitende Frust oder Sorgen direkt aussprechen und bei Problemen über Lösungen beraten. In aufgabenbezogenen Meetings kann eine Führungskraft den emotionalen Aspekt der Zusammenarbeit mitnehmen, indem sie regelmäßig nach Energie und Motivation fragt. Wenig Energie und Frust sind Signale unerfüllter Bedürfnisse. Auszusprechen, was lebt, gibt oft schon Erleichterung – und wo möglich, lassen sich machbare Lösungen suchen.
Ein anderer wichtiger präventiver Aspekt ist, die Ursachen für Lästerei wegzunehmen. Klatsch entsteht oft in einem Umfeld, in dem Probleme andauern, ohne dass eine Lösung in Aussicht steht.
Der reaktive Umgang mit einer Lästerkultur verlangt etwas Durchhaltevermögen. Lästern ist für viele eine Strategie, bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen (Kontakt, Empathie, Dazugehören, Unterstützung, Sicherheit, Entladung …). Wenn man Lästern verringern oder stoppen will, braucht es eine Alternative, die diese Bedürfnisse genauso gut oder besser erfüllt.
Beim Lästern gibt es verschiedene „Akteure”: die lästernde Person, die zuhörenden und die Person, über die geredet wird. Für jede dieser Rollen finden Sie unten Anregungen.
Verbindende Kommunikation für die lästernde Person
Vielleicht ist es Ihnen noch nicht aufgefallen: Lästern ist eine Art, für eigene Bedürfnisse zu sorgen. Es gibt vermutlich einen guten Grund, jemanden nicht direkt anzusprechen. Vielleicht will der andere nicht zuhören, oder Sie fürchten unangenehme Folgen, wenn Sie ehrlich Ihre Meinung sagen. Vielleicht schweigen Sie aus Sorge, den anderen zu verletzen. Möglicherweise ist Ihre aktuelle Art für Sie die beste Lösung. Vielleicht haben Sie auch keine Idee, wie Sie offen und direkt für Ihre Meinung einstehen können, ohne dafür zu bezahlen. Vielleicht gibt VK Ihnen Anregungen. Wenn Sie diesen Weg erkunden wollen, beantworten Sie ein paar Fragen:
• Was bringt mich dazu, bestimmte Information nicht direkt mit einer bestimmten Person
zu kommunizieren?
• Welche Bedürfnisse will ich damit erfüllen?
• Welche Bedürfnisse kommen zu kurz?
• Was hätte ich gerne, dass passiert?
• Wenn ich die Person direkt ansprechen würde, was hätte ich gerne, dass die
Person hört?
• Wie könnte ich die Botschaft ohne Vorwurf sagen?
(Beobachtungen, mein Gefühl und Bedürfnisse, meine Bitte an den anderen)
• Was ist ein guter Moment und ein guter Rahmen, die Person anzusprechen?
• Welche Reaktionen sind möglich, und wie kann ich auf die
Bedürfnisse des anderen hören?
Vielleicht inspirieren diese Fragen, verbindend ins Gespräch zu gehen.
Verbindende Kommunikation für jene, die zuhören
Wie reagieren Sie auf Klatsch? Hören Sie ihn gerne oder nicht? Sind Sie froh, dass jemand Sie ins Vertrauen zieht? Finden Sie es schwer, weil Sie merken, dass das gute Klima darunter leidet? Wenn Sie die lästernde Person darauf ansprechen, ist es sinnvoll, das klar und sorgsam zu tun. Sie können zuerst empathisch reagieren oder verbindend sagen, was Sie stört. Beides kann ein Einstieg in ein verbindendes Gespräch sein. Statt von „Lästern” zu sprechen, ist es praktischer und weniger urteilend, beschreibende Worte zu verwenden: „über jemanden sprechen, der nicht da ist”, „Kritik üben an jemandem, der nicht reagieren kann” …
Beispiel 1:
Lästerer: „Christine bekommt immer die beste Arbeit. Das liegt daran, dass sie der Liebling der Chefin ist.”
Sie: „Hast du Probleme mit deiner Arbeit?”
L: „Christine bekommt immer die beste Arbeit, und das ist nicht fair.”
Sie: „Ich sehe das anders. Ich denke, die Arbeit wird gerecht verteilt – mal trifft es einen, mal nicht. Und ich finde es nicht angenehm, dass du so über jemanden sprichst, der nicht da ist. Wenn du ein Problem mit jemandem hast, würde ich die Person direkt ansprechen oder schweigen.” … (Lassen Sie Raum für eine Reaktion, der Sie dann wieder empathisch zuhören können.)
Beispiel 2:
Lästerer: „Ich bin sicher, Els ist grundlos abwesend. Sie wird wohl Theater gespielt haben, um ihre Krankschreibung zu bekommen.”
Sie: „Ich finde es nicht schön, wenn du so über jemanden sprichst, der nicht dabei ist. Was willst du damit erreichen?”
L: „Findest du es denn nicht schwer, dass sie so viel fehlt?”
Sie: „Ja, mir fehlt Hilfe, und ich hätte gern jemanden mehr, um die Arbeit zu schaffen. Aber ich will nicht über jemanden sprechen, der nicht da ist.”
Verbindende Kommunikation für die Person, über die geredet wird
Stellen Sie sich vor: Sie hören von anderen, dass jemand etwas über Sie gesagt hat, das Sie in ein negatives Licht stellt. Das ist besonders unangenehm, und es ist nicht immer leicht, sofort zu reagieren. Vor allem, wenn der Klatsch sich verbreitet und ein Eigenleben bekommt. Was tun? Aus VK heraus empfehlen wir, in Kontakt zu sein mit dem, was Sie dabei fühlen, und welche Bedürfnisse zu kurz kommen. Diese Form der Selbstempathie wirkt oft besser, wenn Sie mit jemandem darüber sprechen können. In zweiter Linie können Sie überlegen, die Person, die geredet hat, verbindend anzusprechen. Das geht so:
• Geben Sie Ihre Beobachtungen wieder (was Sie von anderen gehört haben).
• Sagen Sie, was Sie dabei fühlen (schmerzhaft, traurig, wütend, besorgt …).
• Drücken Sie aus, welche Bedürfnisse zu kurz kommen (Offenheit, Kontakt, Ehrlichkeit, Respekt …).
• Formulieren Sie eine klare Bitte, damit aufzuhören, und fragen Sie eventuell nach der Absicht des anderen.
Beispiel 1:
Sie: „Luca, hast du kurz Zeit?”
Luca: „Ja …”
Sie: „Ich höre, dass du anderen über die Art erzählst, wie ich meine Überstunden ausgleiche. Das finde ich unangenehm. Wenn jemand ein Problem mit mir hat, höre ich es lieber direkt. Dann kann ich gegebenenfalls erklären, warum ich Dinge so mache … Wie ist das für dich?”
Luca: „Hoppla, ich habe nichts gesagt.”
Sie: „Das passt nicht zu dem, was ich gehört habe …”
Luca: … (schweigt)
Sie: „Sollte etwas sein, ich erkläre es gern.”
Luca: „Okay …”
Sie: „Also, wenn du Fragen oder Feedback zu dem hast, was ich tue, machst du dir die Mühe, mich persönlich anzusprechen?”
Luca: „Okay, sorry …”
Sie: „Danke fürs Zuhören.”
Im obigen Beispiel kommt der Lästerer nicht wirklich zu Geständnissen. Es ist in VK auch nicht das Ziel, jemanden zu „ertappen” oder Schuldgefühle zu erzeugen. Wichtig ist, dass Sie jemanden direkt ansprechen aus dem Vertrauen heraus, dass Menschen Dinge tun, um für sich zu sorgen – oft ungeschickt – und dass Sie klar sagen, was Sie sich von anderen wünschen.
Beispiel 2:
Sie: „Luca, ich möchte etwas mit dir besprechen. Hast du 20 Minuten?”
Luca: „Worum geht es?”
Sie: „Ich habe den Eindruck, dass ich Dinge getan oder nicht getan habe, die du unangenehm findest.”
Luca: „Wieso?”
Sie: „Ich höre von verschiedenen Leuten, dass du offenbar nicht zufrieden bist mit etwas, das ich gemacht habe. Können wir darüber reden?”
Luca: „Tja …”
Sie: „Ich denke, es ist sinnvoller, Dinge direkt auszusprechen und zu schauen, ob sich Probleme lösen lassen. Ich höre gerne, was dich bedrückt.”
Luca: „Mir fällt es tatsächlich schwer, dass du mich nicht mehr für Projekte fragst. Habe ich etwas falsch gemacht?”
Sie: „Es liegt dir quer, und du willst gern verstehen, warum ich dich nicht mehr gefragt habe?”
Luca: „Ja, ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe. Warum fragst du mich nicht mehr?”
Sie: „Ich erkläre es dir gern. Es ist keine Entscheidung gegen dich.” und so weiter.
Das Gespräch wird abgeschlossen mit:
Sie: „Danke für dieses Gespräch. Ich hoffe, du sprichst mich künftig direkt an, wenn dich etwas bedrückt. Würdest du das tun?”
Luca: „Ja, das ist okay. Aber ich finde es schon schade, dass ich bei den Projekten nicht mehr mitmachen kann.”
Sie: „Dafür habe ich Verständnis. Aber was nicht ist, kann noch werden. Danke für deine Zeit.”
Im obigen Beispiel reservieren Sie vorab genug Zeit. Ein verbindendes Gespräch dauert meist länger als das, was Sie dem anderen sagen wollen. Empathisches Zuhören braucht meist den größten Teil der Zeit. Das Gespräch verläuft verbindend, weil Sie Urteile und Vorwürfe vermeiden. Das tun Sie, indem Sie in Beobachtungssprache reden und Annahmen jeweils beim anderen prüfen. Sie geben Empathie für die Sicht des anderen, ohne sofort auf implizite Bitten einzugehen. Sie selbst sind in Ihrer Bitte um Offenheit und Ehrlichkeit klar. Sie schließen mit einem ehrlichen „Danke”, weil Sie die Zeit und Mühe des anderen schätzen.